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Schwerkraft
außer Kraft Ein Artikel von Fidi (Andreas Fiedler) zum zehnjährigen Geburtstag der Spielwerkstatt, gedruckt wurde er im Jahrbuch 2004 des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt.Ungewöhnliche Projekte pflastern
seit zehn Jahren den Weg der Spielwerkstatt aus Rudolstadt. Mit dem Campwochenende
„Wir verrückten Träumer“ vom 20.— Nach dem Naziaufmarsch in Rudolstadt
im August 1992 entstand im Schauspielensemble am Thüringer Landestheater
der Wunsch zur Projektarbeit mit Jugendlichen im konfliktbereiten Alter.
Man wollte nicht von der Bühne herunter belehren. Im September 1993
wurde das Modell Spielwerkstatt bereits praktiziert. Auf Initiative von
Landestheater und Stadt Rudolstadt wurde eine ABM-Stelle für eine
kontinuierlich theaterpädagogische Arbeit geschaffen. Die hauptamtliche
Stelle, deren Träger die DAG/ver.di ist, gefördert durch Theater
und Stadt Rudolstadt, trat Fridolin Zaugg wenige Monate später an. Grundidee ist die Begegnung von
Schauspielern mit Schulklassen oder mit Jugendlichen in offenen Gruppen.
Man kommt sich mit Bewegungsspielen, Partnerübungen und mit einfachen
Improvisationen auf einer gemeinsamen Bühne näher. Bei weiteren
Werkstätten wird an der Wahrnehmung von körpersprachlichen Signalen
und darauf beruhenden Alternativen zur Lösung von Konflikten gearbeitet.
Das mag ein wenig verstaubt klingen, dahinter aber verbirgt sich der Schritt
durch das Tor ins Land Phantasia. In den Improvisationen der Spielwerkstatt
wird die Welt aufgehoben wie sie ist. Ob Physik, Mathematik und Biologie,
ob Gesellschaft, Geschichte oder Zukunft, ob Gut und Böse, das Leben
im Allgemeinen geht bei einer Spielwerkstatt nach dem Gesetz der Imagination
und das heißt, dass alles möglich ist. Es ist ähnlich
wie bei Alice, die durch ein Loch ins Wunderland fällt, sich beim
Fallen die Frage stellt, ob Katzen Fledermäuse fressen, aber später
schlaftrunken die Worte vertauscht und sich schließlich fragt, ob
Fledermäuse Katzen fressen, als wäre auch dies eine ganz normale
Angelegenheit. Die Beobachtungen, die die Jugendlichen
in ihren alltäglichen Umgebungen machen, fließen in die improvisiert
erzählten Geschichten mit ein, nur mit dem Unterschied, dass die
Lösung des Konfliktes möglicherweise die auf den Kopf gestellte
Kosmogonie mit sich bringt. Bei alle dem aber ist eines erstaunlich: Ob
Spieler oder das Publikum, sie alle können in den auf der Bühne
aufgeworfenen Fragen auch immer wieder die Welt entdecken, die sie täglich
erleben. Und dies vielleicht ein wenig schärfer als gewohnt, denn
für ein paar Augenblicke stehen alle außerhalb des Alltags
und können den Blick auf ihre Welt mit Abstand wagen. Jugendliche mit Lust auf mehr
haben in der Spielwerkstatt die Chance, an einer Theaterproduktion mit
allem drum und dran teilzuhaben. In einer gemeinsam erarbeiteten Rahmenhandlung
treffen dabei Menschen aufeinander, die sich gegenseitig Geschichten aus
ihrer Lebenswelt erzählen, die auf der Bühne improvisiert weiter
geschrieben werden.. Die erste Eigenproduktion der
Spielwerkstatt wurde am Grundgedanke bei „Die Maske“
(November 1997) war es, die hinter alltäglichen Gesichtern und körperlichen
Haltungen vergrabenen Geschichten aufzuspüren. „Liebe
ich weit?“ (November 1998) ist die ungewöhnliche Frage, die
sich die Spieler der nächsten Produktion stellten. Hier trafen sich
Bewohner entfernter Welten irgendwo im Universum an einem gemeinsamen
Ort, um sich Erlebtes aus ihrer Welt zu erzählen. In der Produktion
„XXL“ (Dezember 2000) lernten sich fünf Menschen mit
unterschiedlichsten Lebenserfahrungen lieben und schätzen. Sie inspirierten
sich gegenseitig, in die Welt hinauszutreten und dort nach Geschichten
zu recherchieren. In dieser Welt lauerten aber auch lebensbedrohende Gefahren
wie die militanten Meiers. In der bisher letzten Eigenkreation der Spielwerkstatt,
„Seelen erscheinen zur Sonne“ (Februar 2002), begegneten sich
vier Menschen mit schleierhaften Biografien im Gemeinschaftsraum eines
Zellenkomplexes. Langsam aus ihrer Einsamkeit ausbrechend finden sie zueinander
und erzählen sich gegenseitig über Licht und Schatten ihres
Lebens. Die Arbeit von Fridolin Zaugg
und der Spielwerkstatt wird von Beginn an durch Leitmotive wie „Spielen
statt labern!“ und „Ausdruck aus Eindrücken“ begleitet.
Bei den SchülerTheaterTreffen, die seit 1994 jährlich im Schminkkasten
Rudolstadt durchgeführt werden, wird dies besonders deutlich. Für
die Theatergruppen aus den Schulen des Landkreises heißt es an zwei
Tage im Frühjahr „Theaterrummel von Kids für Kids“.
Die Kinder und Jugendlichen von Grund- und Regelschulen sowie von den
Gymnasien können nach jedem Halbtag ihre in anderen Stücken
entdeckten Lieblingsszenen auf der Bühne nachspielen. Das macht viel
mehr Laune, als nur darüber zu diskutieren. Zwischen den einzelnen
Vorstellungen geht es an die frische Luft. Jede Gruppe wird von einem
jungen Betreuer der Spielwerkstatt begleitet, bei den Spielen und den
Improvisationen angeleitet. Ob Betreuung, Licht- und Tontechnik, Raumgestaltung
und Catering, überall sind Schüler mit viel Spaß dabei.
Sogar eine kleine Zeitung wird bei jedem Treffen herausgegeben, damit
die Theaterkids handfeste Beweise mit nach Hause nehmen können. Und
natürlich sind auch die Redakteure von „LePetitCanard –
Der kleinen Ente“ Schüler und jugendliche Mitglieder der Spielwerkstatt.
Die Treffen sind in dieser spielerischen Form zu einer festen Anlaufstelle
für die Schülertheatergruppen des Landkreises geworden. Die fortlaufende Arbeit der Spielwerkstatt
konnte zwischen 1997 und 1999 durch ein Stabilisierungsprogramm des Thüringer
Sozialministeriums gesichert werden. Seit 1999 wird die Stelle über
die Jugendpauschale des Landkreises und Mitteln Stadt Rudolstadt, des
Theaters Rudolstadt sowie des Trägers DAG/ver.di finanziert. Allerdings
ging an die Spielwerkstatt die Forderung, sich vermehrt an der kulturellen
Jugendpflege im ländlichen Raum zu beteiligen. Nach der Kontaktaufnahme
von Fridolin Zaugg mit Jugendpflegern des Landkreises wurde sofort an
der Konzeption des ersten groß angelegten Projektes gearbeitet. Die Talenteshow „Talente
Total“ im Bereich Königsee, die gemeinsam mit der Volkssolidarität
Jugendpflege Königsee-Rottenbach durchgeführt wurde, folgt dem
Grundgedanken des SchülerTheaterTreffens, Jugendliche in alle Belange
der Veranstaltungsorganisation einzubinden. Bereits Anfang 2000 wurden
unter der Gesamtleitung von Carmen Frießleben und Fridolin Zaugg
Arbeitsteams in den Bereichen Raumgestaltung, Technik, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit
sowie Video gebildet, in denen Schüler, angeleitet durch Profis,
das Casting und die Show vorbereiteten und durchführten. „Wir
wollen dich! – Kannst du rappen, singen oder tanzen? Kannst du labern,
kannst du Leute zum Lachen oder auch zum Weinen bringen?“ Diesem
Aufruf folgten 75 elf- bis 18-jährige Künstlerinnen und Künstler,
die in einem abwechslungsreichen Programm mit 21 Darbietungen am Den direktesten präventiven
Ansatz hatte das Projekt „Instant Acts gegen Gewalt und Rassismus“ im Oktober 2000, das die Spielwerkstatt gemeinsam mit der Regelschule
Unterwellenborn initiierte. Die Projektwoche ist Gipfel eines ganzen Monates,
in dem sich Schüler der 9. und 10. Klassen gestalterisch mittels
Musik, Tanz, Literatur und Theater mit dem Thema „Fremdes und Eigenes“
auseinandersetzten. In der Projektwoche präsentierten sie die Ergebnisse
ihrer Workshoparbeiten. Höhepunkt am letzten Tag war der Auftritt
des internationalen Jugendtheaters „Instant Act“, das eine
geballte Ladung Akrobatik, Theater, Tanz und Show mit 22 jungen Künstlern
aus drei Kontinenten bot. In der Show brachten die Künstler den rund
400 zuschauenden Schülern fremde Kunst und Kultur näher, während
sie gleichzeitig über Ängste, Gewalt und Rassismus berichteten.
Bereits vor der Vorstellung konnte das junge Publikum in von den Künstlern
geführten Workshops Grundtechniken von Flamenco, Breakdance, afrikanischer
Maltechnik, afrikanischem Tanz, Körpermalerei, Trommelbau und Theater
erlernen. Wegen des Erfolges der „Instant Acts“ wurde die
Reihe im folgenden Jahr mit der Regelschule Neusitz und 2002 mit der Regelschule
Geschwister Scholl in Bad Blankenburg mit sehr gutem Echo fortgeführt. In den Jahren 2000 bis 2002 hatte
sich die Spielwerkstatt auch an den von den Jugendpflegern des ländlichen
Raumes durchgeführten Campingwochenenden beteiligt. Unter dem Management
von Fridolin Zaugg wurden den Camps in Kleinkochberg (September 2000),
in Könitz (September 2001) und in Garsitz (August 2002) aktive Elemente
in Form von kulturellen Workshops hinzugefügt, in denen sich Jugendliche
zwischen 13 und 18 Jahren nicht nur austoben, sondern auch selbst ausprobieren
konnten. „Ins kalte Wasser springen und plantschen“ war die
Titelüberschrift der Campzeitung am Luisenturm und wies damit auch
die programmatische Richtung. Während einer Jugendleitercard-Ausbildung
im Frühjahr 2002 wollte die Jugendleiter-Gruppe mehr über Projekte,
Projektplanung und -durchführung erfahren, woraufhin ein Weiterbildungswochenende
in Oppurg angeboten wurde. Nach umfangreicher Ideensammlung entstand dort
die Grobplanung für das Projekt „Wir verrückten Träumer“,
in dem der Grundgedanke des aktiven Camps wieder aufgenommen wurde. Mit
Flyern und Presseartikel wurden Schüler von 12 bis 15 Jahren zum
Träumen aufgefordert. Im Camp selbst gab es jedoch keine festgelegten
Gruppenziele und keine fixen Workshopsideen, trotzdem wurde alles ermöglicht.
Jedem Teilnehmer des Camps vom 20.– Beim Träumen kann man die
Zeit aus den Augen verlieren und die Welt ebenso. Der Pulsschlag des Alltages
steht unter chronischem Hochdruck. Um sich in der Hast und Hektik unserer
Tage nicht zu verlieren, ist es wichtig, sich selbst kennen zu lernen
und sich auszuloten, sich selbst anzupacken. In der Spielwerkstatt wird
die Welt, wie wir sie gewohnt sind, aufgehoben. Die Schwerkraft wird außer
Kraft gesetzt und auf den Brettern, die die Welt bedeuten, ob Feld, ob
Wiese, ob in Theaterkulisse oder ohne, ob im Klassenzimmer oder auf dem
Schulhof, da stehen nicht mehr all die anderen, da stehe wir alle. |
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