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Schwerkraft außer Kraft

Ein Artikel von Fidi (Andreas Fiedler) zum zehnjährigen Geburtstag der Spielwerkstatt, gedruckt wurde er im Jahrbuch 2004 des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt.

Ungewöhnliche Projekte pflastern seit zehn Jahren den Weg der Spielwerkstatt aus Rudolstadt. Mit dem Campwochenende „Wir verrückten Träumer“ vom 20.—22. Juni 2003 in Dittrichshütte gelang Fridolin Zaugg und der Spielwerkstatt das bisher poetischste und alternativste Projekt in Sachen aktiver, kultureller Jugendarbeit. Wie so oft ist das Ungewöhnliche auf einem außergewöhnlichen Grund gemauert:

Nach dem Naziaufmarsch in Rudolstadt im August 1992 entstand im Schauspielensemble am Thüringer Landestheater der Wunsch zur Projektarbeit mit Jugendlichen im konfliktbereiten Alter. Man wollte nicht von der Bühne herunter belehren. Im September 1993 wurde das Modell Spielwerkstatt bereits praktiziert. Auf Initiative von Landestheater und Stadt Rudolstadt wurde eine ABM-Stelle für eine kontinuierlich theaterpädagogische Arbeit geschaffen. Die hauptamtliche Stelle, deren Träger die DAG/ver.di ist, gefördert durch Theater und Stadt Rudolstadt, trat Fridolin Zaugg wenige Monate später an.

Grundidee ist die Begegnung von Schauspielern mit Schulklassen oder mit Jugendlichen in offenen Gruppen. Man kommt sich mit Bewegungsspielen, Partnerübungen und mit einfachen Improvisationen auf einer gemeinsamen Bühne näher. Bei weiteren Werkstätten wird an der Wahrnehmung von körpersprachlichen Signalen und darauf beruhenden Alternativen zur Lösung von Konflikten gearbeitet. Das mag ein wenig verstaubt klingen, dahinter aber verbirgt sich der Schritt durch das Tor ins Land Phantasia.

In den Improvisationen der Spielwerkstatt wird die Welt aufgehoben wie sie ist. Ob Physik, Mathematik und Biologie, ob Gesellschaft, Geschichte oder Zukunft, ob Gut und Böse, das Leben im Allgemeinen geht bei einer Spielwerkstatt nach dem Gesetz der Imagination und das heißt, dass alles möglich ist. Es ist ähnlich wie bei Alice, die durch ein Loch ins Wunderland fällt, sich beim Fallen die Frage stellt, ob Katzen Fledermäuse fressen, aber später schlaftrunken die Worte vertauscht und sich schließlich fragt, ob Fledermäuse Katzen fressen, als wäre auch dies eine ganz normale Angelegenheit.

Die Beobachtungen, die die Jugendlichen in ihren alltäglichen Umgebungen machen, fließen in die improvisiert erzählten Geschichten mit ein, nur mit dem Unterschied, dass die Lösung des Konfliktes möglicherweise die auf den Kopf gestellte Kosmogonie mit sich bringt. Bei alle dem aber ist eines erstaunlich: Ob Spieler oder das Publikum, sie alle können in den auf der Bühne aufgeworfenen Fragen auch immer wieder die Welt entdecken, die sie täglich erleben. Und dies vielleicht ein wenig schärfer als gewohnt, denn für ein paar Augenblicke stehen alle außerhalb des Alltags und können den Blick auf ihre Welt mit Abstand wagen.

Jugendliche mit Lust auf mehr haben in der Spielwerkstatt die Chance, an einer Theaterproduktion mit allem drum und dran teilzuhaben. In einer gemeinsam erarbeiteten Rahmenhandlung treffen dabei Menschen aufeinander, die sich gegenseitig Geschichten aus ihrer Lebenswelt erzählen, die auf der Bühne improvisiert weiter geschrieben werden..

Die erste Eigenproduktion der Spielwerkstatt wurde am 6. Juni 1995 im Schminkkasten Rudolstadt zur Premiere gebracht. „Lug&Tratsch ins Dosen“ erzählten zwölf Akteure völlig absurden Geschichten, die sie während der Proben fanden und als Collage aneinander reihten. Die Produktion „Die Schwalben fliegen falsch“ (Premiere: Juni 1996) handelte von Schicksalen meist junger Frauen, die aus der Sicht der Welten wechselnden Märchenprinzessin Arabella betrachtet wurden. Hier wurde erstmals das auch in der Zukunft der Werkstatt-Eigenkreationen praktizierte Motto durchgesetzt: Jede Vorstellung ist anders.

Grundgedanke bei „Die Maske“ (November 1997) war es, die hinter alltäglichen Gesichtern und körperlichen Haltungen  vergrabenen Geschichten aufzuspüren. „Liebe ich weit?“ (November 1998) ist die ungewöhnliche Frage, die sich die Spieler der nächsten Produktion stellten. Hier trafen sich Bewohner entfernter Welten irgendwo im Universum an einem gemeinsamen Ort, um sich Erlebtes aus ihrer Welt zu erzählen. In der Produktion „XXL“ (Dezember 2000) lernten sich fünf Menschen mit unterschiedlichsten Lebenserfahrungen lieben und schätzen. Sie inspirierten sich gegenseitig, in die Welt hinauszutreten und dort nach Geschichten zu recherchieren. In dieser Welt lauerten aber auch lebensbedrohende Gefahren wie die militanten Meiers. In der bisher letzten Eigenkreation der Spielwerkstatt, „Seelen erscheinen zur Sonne“ (Februar 2002), begegneten sich vier Menschen mit schleierhaften Biografien im Gemeinschaftsraum eines Zellenkomplexes. Langsam aus ihrer Einsamkeit ausbrechend finden sie zueinander und erzählen sich gegenseitig über Licht und Schatten ihres Lebens.

Die Arbeit von Fridolin Zaugg und der Spielwerkstatt wird von Beginn an durch Leitmotive wie „Spielen statt labern!“ und „Ausdruck aus Eindrücken“ begleitet. Bei den SchülerTheaterTreffen, die seit 1994 jährlich im Schminkkasten Rudolstadt durchgeführt werden, wird dies besonders deutlich. Für die Theatergruppen aus den Schulen des Landkreises heißt es an zwei Tage im Frühjahr „Theaterrummel von Kids für Kids“. Die Kinder und Jugendlichen von Grund- und Regelschulen sowie von den Gymnasien können nach jedem Halbtag ihre in anderen Stücken entdeckten Lieblingsszenen auf der Bühne nachspielen. Das macht viel mehr Laune, als nur darüber zu diskutieren. Zwischen den einzelnen Vorstellungen geht es an die frische Luft. Jede Gruppe wird von einem jungen Betreuer der Spielwerkstatt begleitet, bei den Spielen und den Improvisationen angeleitet. Ob Betreuung, Licht- und Tontechnik, Raumgestaltung und Catering, überall sind Schüler mit viel Spaß dabei. Sogar eine kleine Zeitung wird bei jedem Treffen herausgegeben, damit die Theaterkids handfeste Beweise mit nach Hause nehmen können. Und natürlich sind auch die Redakteure von „LePetitCanard – Der kleinen Ente“ Schüler und jugendliche Mitglieder der Spielwerkstatt. Die Treffen sind in dieser spielerischen Form zu einer festen Anlaufstelle für die Schülertheatergruppen des Landkreises geworden.

Die fortlaufende Arbeit der Spielwerkstatt konnte zwischen 1997 und 1999 durch ein Stabilisierungsprogramm des Thüringer Sozialministeriums gesichert werden. Seit 1999 wird die Stelle über die Jugendpauschale des Landkreises und Mitteln Stadt Rudolstadt, des Theaters Rudolstadt sowie des Trägers DAG/ver.di finanziert. Allerdings ging an die Spielwerkstatt die Forderung, sich vermehrt an der kulturellen Jugendpflege im ländlichen Raum zu beteiligen. Nach der Kontaktaufnahme von Fridolin Zaugg mit Jugendpflegern des Landkreises wurde sofort an der Konzeption des ersten groß angelegten Projektes gearbeitet.

Die Talenteshow „Talente Total“ im Bereich Königsee, die gemeinsam mit der Volkssolidarität Jugendpflege Königsee-Rottenbach durchgeführt wurde, folgt dem Grundgedanken des SchülerTheaterTreffens, Jugendliche in alle Belange der Veranstaltungsorganisation einzubinden. Bereits Anfang 2000 wurden unter der Gesamtleitung von Carmen Frießleben und Fridolin Zaugg Arbeitsteams in den Bereichen Raumgestaltung, Technik, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit sowie Video gebildet, in denen Schüler, angeleitet durch Profis, das Casting und die Show vorbereiteten und durchführten. „Wir wollen dich! – Kannst du rappen, singen oder tanzen? Kannst du labern, kannst du Leute zum Lachen oder auch zum Weinen bringen?“ Diesem Aufruf folgten 75 elf- bis 18-jährige Künstlerinnen und Künstler, die in einem abwechslungsreichen Programm mit 21 Darbietungen am 7. April 2000 einen Volltreffer im Kulti Königsee landeten und den gut 200 Personen im Publikum eine ganz eigenwillige regionale Bestandsaufnahme junger Aktionsbereitschaft boten. Über 100 Jugendliche beteiligten sich aktiv am Projekt „Talente Total“, das 2001 und 2002 mit ähnlich guter Resonanz in Königsee wiederholt wurde.

Den direktesten präventiven Ansatz hatte das Projekt „Instant Acts gegen Gewalt und Rassismus“ im Oktober 2000, das die Spielwerkstatt gemeinsam mit der Regelschule Unterwellenborn  initiierte. Die Projektwoche ist Gipfel eines ganzen Monates, in dem sich Schüler der 9. und 10. Klassen gestalterisch mittels Musik, Tanz, Literatur und Theater mit dem Thema „Fremdes und Eigenes“ auseinandersetzten. In der Projektwoche präsentierten sie die Ergebnisse ihrer Workshoparbeiten. Höhepunkt am letzten Tag war der Auftritt des internationalen Jugendtheaters „Instant Act“, das eine geballte Ladung Akrobatik, Theater, Tanz und Show mit 22 jungen Künstlern aus drei Kontinenten bot. In der Show brachten die Künstler den rund 400 zuschauenden Schülern fremde Kunst und Kultur näher, während sie gleichzeitig über Ängste, Gewalt und Rassismus berichteten. Bereits vor der Vorstellung konnte das junge Publikum in von den Künstlern geführten Workshops Grundtechniken von Flamenco, Breakdance, afrikanischer Maltechnik, afrikanischem Tanz, Körpermalerei, Trommelbau und Theater erlernen. Wegen des Erfolges der „Instant Acts“ wurde die Reihe im folgenden Jahr mit der Regelschule Neusitz und 2002 mit der Regelschule Geschwister Scholl in Bad Blankenburg mit sehr gutem Echo fortgeführt.

In den Jahren 2000 bis 2002 hatte sich die Spielwerkstatt auch an den von den Jugendpflegern des ländlichen Raumes durchgeführten Campingwochenenden beteiligt. Unter dem Management von Fridolin Zaugg wurden den Camps in Kleinkochberg (September 2000), in Könitz (September 2001) und in Garsitz (August 2002) aktive Elemente in Form von kulturellen Workshops hinzugefügt, in denen sich Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren nicht nur austoben, sondern auch selbst ausprobieren konnten. „Ins kalte Wasser springen und plantschen“ war die Titelüberschrift der Campzeitung am Luisenturm und wies damit auch die programmatische Richtung.

Während einer Jugendleitercard-Ausbildung im Frühjahr 2002 wollte die Jugendleiter-Gruppe mehr über Projekte, Projektplanung und -durchführung erfahren, woraufhin ein Weiterbildungswochenende in Oppurg angeboten wurde. Nach umfangreicher Ideensammlung entstand dort die Grobplanung für das Projekt „Wir verrückten Träumer“, in dem der Grundgedanke des aktiven Camps wieder aufgenommen wurde. Mit Flyern und Presseartikel wurden Schüler von 12 bis 15 Jahren zum Träumen aufgefordert. Im Camp selbst gab es jedoch keine festgelegten Gruppenziele und keine fixen Workshopsideen, trotzdem wurde alles ermöglicht. Jedem Teilnehmer des Camps vom 20.–22. Juni 2003 in Dittrichshütte standen eine Fülle Materialien wie Stoff, Papier, Holz und Farbe zur Verfügung, um sich bildnerisch auszudrücken. Künstler und Pädagogen aus den Bereichen Zirkus, Musik, Bildhauerei, Theater und Medien unterstützten und förderten die verrückten Träumer bei der darstellerischen Formulierung ihrer Träume. Ideen wurden ausgestaltet auf witzige und erfindungsreiche Weise: der Traum von Fliegen, die einsame Insel mit Palme, Strand und Regenbogen, sie wurde einfach gebaut, Traumfrauen und Traummänner wurden modelliert, das Traumleben aufgeschrieben und wer wollte, konnte den Mond berühren. Ganz ohne Anstrengung ging das freilich nicht, man musste schon noch an einer Strange empor klettern, um auf die andere Seite des Mondes sehen zu können. Und dies war und ist schließlich bei allen Träumen so: Man muss einfach loslegen nach dem Träumen und man muss sich ein wenig mühen, um sie sich zu erfüllen.

Beim Träumen kann man die Zeit aus den Augen verlieren und die Welt ebenso. Der Pulsschlag des Alltages steht unter chronischem Hochdruck. Um sich in der Hast und Hektik unserer Tage nicht zu verlieren, ist es wichtig, sich selbst kennen zu lernen und sich auszuloten, sich selbst anzupacken. In der Spielwerkstatt wird die Welt, wie wir sie gewohnt sind, aufgehoben. Die Schwerkraft wird außer Kraft gesetzt und auf den Brettern, die die Welt bedeuten, ob Feld, ob Wiese, ob in Theaterkulisse oder ohne, ob im Klassenzimmer oder auf dem Schulhof, da stehen nicht mehr all die anderen, da stehe wir alle.

 

 

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